Schnipp schnapp der Ast ist ab

Trotz regnerischen Wetters versammelten sich im Gemeinschaftsgarten Gorbitz 30 interessierte TeilnehmerInnen zum letzten Seitentriebe-Workshop des Jahres. Sebastian Wünsch trat an, um Grundlagen des naturgemäßen Obstbaumschnitts zu vermitteln.
Zunächst ging es theoretisch zur Sache, wobei hier auch grundlegende Fragen diskutiert wurden – warum und wie wird überhaupt geschnitten?
Dann erläuterte Sebastian die sogenannte Architektur des Baumes, welche den Aufbau von Wurzel, Stamm, Krone und die Anordnung der Leittriebe umfasst. Er legt dabei besonderen Wert auf den Pyramidenschnitt, der aus mehreren Astgruppen mit je 3 – 4 Leitästen besteht. Bei der Baumform lag seine Präferenz auf Hochstämmen mit stark wachsender Unterlage. Doch welche Unterschiede gibt es überhaupt zwischen den verschiedenen Baumformen? Hochstämme mit starkwüchsiger Unterlage bringen ihren Hauptertrag zwar erst nach 10 Jahren, benötigen viel Platz und erfordern durch hoch hängende Früchte einen vergleichsweise hohen Ernteaufwand, gleichen aber durch die lange Lebens- und Ertragszeit aus. Halb- und Niederstämme mit schwächerer Unterlage hingegen haben bereits nach 3-5 Jahren ihren Vollertrag erreicht, bleiben kleiner, sind leichter zu beernten, werden aber auch nicht annähernd so alt wie die hochgewachsenen Artgenossen. Im weiteren Verlauf wurde den TeilnehmerInnen der Nutzen und die Bedeutung der einzelnen Komponenten immer deutlicher. So gibt die Unterlage den Wuchs vor, die Edelsorte bringt unsere Wunschäpfel und der Stammbildner wird verwendet, wenn die Edelsorte keinen passenden Stamm hervorbringt. Nach den Grundlagen wurden verschiedene Schnitttechniken erklärt. Besonders hob Sebastian das „Ableiten“ hervor, bei dem die Wuchskraft des Baumes immer durch geschickte Schnittstellen-Auswahl auf einen Seitentrieb abgeleitet wird. So wird die entstandene Wunde ausreichend durch den Baum versorgt und heilt besser ab. Dagegen sterben Stummel häufig ab, wodurch an diesen Stellen Krankheiten eindringen können, die den Baum schwächen.
Vollgepackt mit neuem Wissen betrachteten wir in kleineren Gruppen die verschiedenen Obstbäume im Gorbitzer Gemeinschaftsgarten. Dabei machten wir uns Gedanken zum günstigsten Schnitt und freuten uns so langsam auf die Praxis mit Astschere und -säge.

Nach einer kurzweiligen Mittagspause mit leckerer Rote-Beete-Kürbis-Suppe, Kuchen und wärmenden Lagerfeuer machten wir uns auf in die verwachsene Welt der ansässigen Obstbäume.
Wir teilten uns in Kleingruppen, so dass bei jeder ein fachkundiger Experte dabei war – Volker vom Apfelgarten aus Dresden, Martin von Annalinde aus Leipzig und der Referent Sebastian konnten dabei ihre wertvollen Erfahrungen einbringen und suchten zusammen mit den TeilnehmerInnen Antworten auf folgende Fragen:
Was ist es überhaupt für ein Baum? Welche „Probleme“ fallen uns sofort ins Auge? Wie ist der Zustand des Baumes? Gibt es eine Baum-Architektur? Wie sieht der konkrete Schnitt aus? Nach und nach wurden uns so Leitäste erkennbar, Stammableitungen deutlich und die Baumkronen lichteten sich zusehends. In den Gruppen wurden mögliche Schnitte diskutiert, erklärt und jeder hatte die Möglichkeit sich zu beteiligen – eine rundum lehrreiche Sache.
Zum Abschluss stellte Sebastian noch Literatur vor, u.a. empfiehlt er den „Obstbaumschnitt in Bildern“ von Hans-Werner Reiss, ein kleines Büchlein vom Obst- und Gartenbau-Verlag München, mit allen wichtigen Schnitthinweisen und erklärenden Bildern für rund 5 €.
Zusammengedrängt unter einem schützenden Pavillon saßen am Ende knapp 20 eiserne ObstbaumexpertInnen zusammen und lauschten den letzten Informationen, begleitet vom Tropfen des Regens. Auf geht’s nach Hause ins Warme! Der nächste Obstbaumschnitt kann kommen!

Vielen Dank an Josi und Volker für den Text sowie an Christiane für die Fotos!