Äpfel für die Zukunft

Unser letzter Seitentriebe-Workshop fand am Wochenende in Marsdorf statt. »Mars…, wo soll das denn sein?« Das kleine Dörfchen inmitten geschwungener Hügellandschaft und umgeben vom Autobahndreieck gehört tatsächlich noch zum Stadtgebiet Dresden, es fühlt sich jedoch an wie das Landleben pur. Mit der Tram kommt man bis nach Weixdorf, die restlichen 3 km werden dann mit dem Fahrrad zurück gelegt.

Valentin, Moritz und ihre Eltern haben in Marsdorf vor 4 Jahren ein Grundstück mit altem Bauernhaus erworben. Während die Eltern sich um die Restaurierung des Hauses kümmern, nehmen sich die Brüder der 1,3 Hektar großen Fläche an, um daraus einen Ort für solidarischen Nahrungsmittel-Anbau zu schaffen.
An diesem windigen November-Samstag wollen wir bei den ersten Schritten helfen – Obstbäume sollen auf dem hügeligen Acker hinter dem Haus gepflanzt werden.
Als wir mittags eintreffen, sind schon die ersten Dutzend Bäume gesetzt, da einige Helfer bereits um 10 Uhr mit dem pflanzen angefangen haben. Zur Mittagspause gibt es warme Suppe in der alten Bauernstube und pünktlich dazu auch einen ordentlichen Wolkenbruch. Wieder trocken, warm und gesättigt, beginnt dann um 13 Uhr der eigentliche Seitentriebe-Workshop und wir versammeln uns mit etwa 30 Leuten auf dem Hügel hinter dem Haus. Alle sind gut ausgerüstet mit Regenklamotten, Spaten in der Hand, die Kinder auf die Rücken geschnürt.
Doch bevor es losgeht, erstmal zur Theorie:
Volker Croy, heute unser Referent, erklärt uns, wie er mit Valentin und Moritz die Fläche nach permakulturellen Sichtweisen geplant hat. Der Hügel fällt nach Süden hin ab und die hintere Spitze des Grundstückes läuft in den Westen aus. Auf der Kuppe soll ein runder »Festplatz« für die Gemeinschaft entstehen. Am Fuße des Hügels Richtung Süden dann wird eine „Sonnenfalle“ gepflanzt, ein halbrunder Baumkreis, der den Nordwest-Wind bricht, die Sonnenwärme aus dem Süden einfängt und damit ein gutes Mikroklima für den wärmeliebenden Gemüseanbau schaffen soll. Ein Steinwall, der die Sonnenwärme speichert, könnte diesen Effekt positiv noch verstärken. Volkers Ausführungen zur Sonnenfalle findet ihr hier.
Im Westen am Ende des Grundstückes bleibt Platz für ein kleines Roggenfeld. »Getreideanbau auf dieser kleinen Fläche ist natürlich total unwirtschaftlich« erkärt Moritz, »aber die Idee ist es, eine Grundlage zu schaffen dass sich eine Familie von dem Stück Land selbst versorgen kann.«

Vor allen Dingen aber wird auf dem gesamten Hügel eine Obstwiese aus alten Apfel– und Birnensorten angelegt, einige Pflaumen- und Kirschbäume sind auch dabei. Und an einer geschützen Stelle können sogar Pfirsische und Nektarinen wachsen.
Die Reihenabstände sind dabei so gewählt, dass jeder Baum möglichst viel Licht bekommt – und auch zwischen den Reihen noch Sonnenlicht den Erdboden erreicht. So können später nach dem Prinzip des »Waldgarten« auch noch mehrjährige essbare Pflanzen zwischen den Baumreihen wachsen und zur Ernährung und und zum Gartenkreislauf beitragen.

Doch nun zum Praktischen. Denn in den wenigen Stunden bis zum Dunkelwerden 110 Bäume pflanzen zu wollen, das ist ziemlich ambitioniert und braucht richtig gute Vorbereitung. Und die hatten wir!
Ein Bagger bohrt gerade die letzten Pflanzlöcher in den teils sehr steinigen Untergrund – alllein für die Löcher hätten wir von Hand sicher einen ganzen Tag gebraucht. Genug Gerätschaften sind vorhanden, die Bäume auch – wir bilden kleine Teams und legen los!
Ich schließe mich einer »Pflanzgruppe« an. Die Bäume werden entsprechend des Pflanzplans schon zu den Löchern bereitgelegt, damit es keine Verwechslungen gibt. Baum ins Loch halten, Pflanzhöhe bestimmen (die Stelle, an der der Baum veredelt wurde, sollte nicht im Boden sein, sonst treibt nicht die Unterlage, sondern der oben aufsitzende Edelreis wieder Wurzeln. Wie war das nochmal mit dem Veredeln? Könnt ihr in diesem Workshop-Bericht nachlesen), Wühlmaus-Draht ins Loch, Erde drauf, leicht festtreten und dabei schauen, dass der Baum nicht schief steht. Malus domestica, Prunus cerasus, Pyrus communis steht auf den orangen Plastikschildchen, und manchesmal rätseln wir, was wir da grad einpflanzen, denn nicht immer steht die deutsche Bezeichnung dabei.
Neben weiteren Pflanzgruppen gibt es noch viele andere Arbeiten, die gemacht werden. Zuerst werden die Bäume aus ihrer Zwischenpflanzung ausgegraben (sie standen seit dem Frühjahr dort), Volker und Sebastian nehmen dann den Pfanzschnitt an Wurzel und Krone vor, einige schneiden den Mäusedraht zurecht. Zwei Jungs schlagen große Pflöcke neben den Bäumchen ein, damit diese dem Winde trotzen und senkrecht wachsen mögen. Und drei Leute schieben den ganzen Tag Wasserkanister den Hügel hinauf, um die Bäume ordentlich anzugießen (hier geht es weniger um akuten Wasserbedarf als vielmehr um das Verschlämmen zur Vermeidung von Lufteinschlüssen – Wurzeln mögen diese nämlich gar nicht)
So groß das Vorhaben am Anfang des Tages aussah, so schnell geht es doch, wenn 70 Hände ein paar Stunden lang anpacke. Pünkltich zu Dämmerung steht der letzte Baum in seinem Loch und wir klopfen uns auf die Schultern.
Während noch der Gießtrupp den Hang hoch und runter jagt, feuern wir anderen schon mal die alte Küchenhexe in der Stube an und wärmen die Suppe auf.

Damit geht es zum gemütlichen Teil des Abends über. Es wird musiziert, das Feuer knistert und wir lassen die 16 Workshops dieses zweiten Seitentriebe-Jahres Revue passieren.
Wir stoßen an auf das Gelernte und und schmieden schon wieder (na klar!) Pläne fürs neue Jahr … ihr dürft gespannt sein!
Wollt ihr mitschmieden oder organisieren, habt ihr Workshopideen, oder Lust, einen bestimmten Workshop oder Referenten in eurem Garten zu beherbergen – meldet euch bei uns! email versteckt, bitte JavaScript aktivieren