Heute wird’s organisch

Die Seitentriebe waren bereits mit dem Sommerkino im neuen hechtgruen auf der Johann-Meyer-Straße zu Gast.
Jetzt wird es im Zuge der zweiten Runde unserer Grundlagenreihe so richtig praktisch. Das Konzept dieser Reihe lässt sich wie folgt zusammenfassen: Erfahrene Gärtner*innen geben einen kurzen praktischen Einblick in ein saisonales Grundlagenthema. Diesmal orientieren wir uns an den Bedürfnissen der Gastgeber aus dem hechtgruen: Was macht eine Gartenfläche wie diese wieder fruchtbar? Wer das Grundstück im Frühjahr gesehen hat, als es noch eine Bahnbrache war, auf der schwere Container und Maschinen abgestellt wurden, staunt jetzt im Spätsommer über das üppige Grün. Es gibt verschiedene Methoden, einen verdichteten, nährstoffarmen Boden fit und fruchtbar zu machen und unsere Referent*innen geben der Gartengemeinschaft heute einen kleinen Einblick in naturnahe Praktiken der Bodenverbesserung. Sebastian zeigt uns, wie wir den Boden naturnah urbar machen und Torsten zeigt, wie wir Pflanzen durch Kompost dauerhaft gut ernähren können. Janina hat einige Pflanzen mitgebracht, die mitunter zwar als Beikraut im Garten wachsen und doch dazu beitragen können, Kulturpflanzen zu nähren und zu schützen. Schließlich zeigen uns Wiebke und Kirsten den Tomatentunnel und berichten von ihren Erfahrungen aus einem erfolgreichen Tomatensommer.

Los geht es mit Sebastians Bodenbearbeitungsworkshop und Toorstens Input zur Kompostierung. Als Permakultur-Designer vertreten beide einen Ansatz, der auch in der Stadt in agrarökologischen Systemzusammenhängen denkt. Dafür möchte ich kurz erklärend ausholen: Der Boden, auch auf einer ungenutzten Brache, ist ein Ökosystem, bewohnt von vielen Kleinstlebewesen, die sich dort häuslich eingerichtet haben und geschäftig arbeiten. Wenn sich dieses Ökosystem ungestört entfalten könnte, würde sich im Verlaufe der Zeit eine Vielzahl von Pflanzen und Tieren auf der Brache ansiedeln. Biomasse würde entstehen, wachsen, sterben und die Bodenlebewesen würden dazu beitragen, das organische Material in eine Lebensgrundlage für eine Folgegeneration von Pflanzen zu verwandeln. Über viele viele Jahre würde sich eine nährstoffreiche Humusschicht ausbilden, die auch anspruchsvollere Pflanzen unterstützt. Wir aber sind Menschen, und ungeduldig. Wir wollen die Fläche schon in der nächsten Saison nutzen und zwar als Garten, der eine Vielzahl von Pflanzen versorgen kann, die teilweise hohe Nährstoffansprüche haben und obendrauf noch etwas für uns als Ernte abwerfen sollen. Das ist der Knackpunkt, laufend entnehmen wir dem System seine Energie, einfach indem wir Gemüse ernten, zu Hause verkochen und unseren Dünger im Wasserklo hinunterspülen. Hier setzen Sebastian und Thorsten an und zeigen uns, wie wir auch in der Stadt mit einem Ökosystem wie dem Garten kooperieren können. Soweit die Theorie, nun zur Praxis:
Um ein verdichtetes Stück Grasland nutzbar zu machen, hat Philip unbedruckte Pappe mitgebracht. Diese wird überlappend dort ausgelegt, wo im nächsten Jahr etwas gepflanzt werden soll. Die Pappe schirmt das Gras vom Licht ab, so dass es verkümmert. Die sterbende Biomasse wird gerne von den Bodenlebewesen verwertet. Wir hätten die Wiese auch durch Umgraben in die Erde bekommen, hätten damit aber auch die wichtigen Bodenlebewesen empfindlich gestört. Auch die Pappe wird mit der Zeit abgebaut werden, doch da sie zum Großteil aus Kohlenstoff besteht, braucht es zusätzlich stickstoffhaltige Stoffe, um die Zersetzung in Gang zu bringen. Diese Regel können wir uns merken: Um Zersetzungsprozesse von organischem Material in Gang zu bringen, braucht es ausgewogenes Verhältnis von stickstoffhaltigen Materialien auf der einen Seite, also feuchte oder grüne Pflanzenreste, Gemüseabfälle, Rasenschnitt, tierische/menschliche Ausscheidungen und kohlenstoffhaltige Materialien auf der anderen Seite, zum Beispiel Holzschnitt, Äste, Stroh und verholzte Sträucher. Auf unsere Pappe kommt Pferdemist gemischt mit frischem Rasenschnitt, der während des Workshops fleißig weiter produziert wird. Mit einer Harke mengen wir das Grünzeug in den Mist. Eine weitere Fläche wird mit einem C/N-Gemisch aus Rasenschnitt, strukturgebendem verholzten Beifuß aus dem Garten, Holzspänen und Urin bedeckt. Es riecht ein bisschen nach Festival nach dieser Behandlung, doch wir wissen, wofür es gut ist. Für bereits aussaatfähige Flächen hat Philip Gründünger mitgebracht. Wir säen Wicke aus, die als Leguminose Stickstoff aus der Luft im Boden festsetzen kann.
Ein gutes C/N Verhältnis ist auch wichtig für die Schichtung von Kompost-Mieten wie Torsten fortfährt. Achten wir im Sommer darauf, dass unsere Komposthaufen luftig, feucht und gut gemischt sind, haben wir im Frühjahr wunderbaren Kompost, der starkzehrende Pflanzen optimal nährt ohne extra Material einkaufen zu müssen. Anschließend studieren wir den Kompost des hechtgruens. Torsten gibt Rat und weckt die Motivation der Gärtner*innen, es im nächsten Jahr mal etwas durchdachter zu versuchen.
Nach der Pause mit selbstgemachtem Kuchenbuffet und Saft fahren wir im nächsten Workshop fort und denken gemeinsam über Pflanzenversorgung nach. Eine Maßnahme, die leicht umgesetzt und zur Vorbeugung gegen Pflanzenkrankheiten und Nährstoffmangel eingesetzt werden kann, ist die Produktion von Pflanzenjauchen. Neben der berühmten Brennesseljauche können zum Beispiel auch Schafgabe, Rainfarn und Beinwell als Beikraut im Garten oder auf umliegenden Brachen gesammelt werden. Der stark kieselsäurehaltige Ackerschachtelhalm zum Beispiel kann dafür eingesetzt werden, die Zellwände von Pflanzen zu stärken und so Pilzbefall wie Mehltau vorzubeugen. Eine Jauche entsteht durch Vergärung. Es gehen Flaschen mit fertigen Jauchen durch die Runde und die Nasen rümpfen sich. Durch die Gärung simulieren wir eine Verdauung der Pflanzen. Dazu muss das Pflanzenmaterial zerkleinert, in einem Plastik- oder Emailleeimer gegeben und mit in der Sonne erwärmten Regenwasser aufgegossen werden. Luftdurchlässig abgedeckt fängt die Brühe schon nach zwei, drei Tagen an zu gären. Regelmäßig umgerührt ist die Jauche nach ca. zwei Wochen fertig. Sie schäumt dann nicht mehr. Wir stellen unseren fertigen Eimer an eine warme Fassade in den Schatten, doch im zeitigen Frühjahr wäre das Gartenhäuschen geeigneter, da für den Gärprozess einer Temperatur zwischen 15 und 30 Grad benötigt wird.
Schließlich gehen wir mit Wiebke und Kirsten in den Tomatentunnel. Als erstes dürfen wir eine herrlich aromatische Fleischtomate kosten. Im hechtgruen werden viele verschiedene Sorten angebaut und ausprobiert und jede*r hat eine Lieblingssorte. Wir tauschen uns über Saatgutgewinnung, Jungenpflanzenanzucht, Krankheiten und regelmäßiges Ausgeizen aus und freuen uns mit den Beiden über rote, gelbe und violett-schwarze Tomatenfrüchte.
Zum Abschluss sind wir voll mit Informationen, haben aber auch das schöne Gefühl, im Garten etwas geschafft zu haben. Wir haben gemerkt, dass auch ganz einfache Kulturmaßnahmen einen Garten in Schwung bringen können. Keine*r von uns wird je wieder einen Kompost ohne ausgewogenem C/N-Verhältnis anlegen oder unnötig im Boden wühlen, wo unsere neuen Freunde – die Bodenlebewesen – für uns ackern. Wir haben das Gefühl, ordentlich etwas gelernt zu haben. Das hechtgruen freut sich über die Bodenverbesserung und träumt vom weiterem Wachstum im nächsten Jahr. Danke, dass wir hier sein durften.

Vielen Dank an Janina für den Bericht!
Vielen Dank an Christiane für die erneuet so wunderbaren Fotos!